styria region unlimited

AIRCONTACT'17

Nachlese

Während der von 21. bis 22. November stattfindenden AIRCONTACT’17 des Mobilitätscluster ACstyria wurde am Flughafen Graz intensiv zur Zukunft der Luftfahrtindustrie diskutiert. Experten von Airbus, Bauhaus Luftfahrt oder auch dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt gaben Einblicke in sich abzeichnende Entwicklungen am Mobilitätssektor – darunter Antriebstechnologien, Fertigungsverfahren und Mobilitätskonzepte wie den City Airbus, einer Drohne für den Passagiertransport. Zentrale Frage war die Auswirkung derartiger Entwicklungen auf die österreichische Zulieferindustrie. Über 120 TeilnehmerInnen unterstrichen das große Interesse der österreichischen Luftfahrtbranche am bereits zum sechsten Mal stattfindenden Fachkongress. Teil der AIRCONTACT’17 war auch eine Betriebsbesichtigung der Boehler Schmiedetechnik und Boehler Edelstahl in Kapfenberg.

Ausblick in die Zukunft

Der ACstyria konfrontierte alle Teilnehmerinnen und Teilehmer mit 10 Thesen zur Zukunft der Luftfahrt – im Rahmen einer Umfrage gaben über 100 Branchenexperten ihre Einschätzung zu sich abzeichnenden Entwicklungen ab. Zwei Drittel prognostizierten eine radikale Veränderung der Zulieferindustrie durch die 3D-Druck-Technologie. Bauteile können damit in nahezu jeder gewünschten Form gestaltet werden, wodurch herkömmliche Produktionsverfahren unter Druck gesetzt werden. Auch Zukunftsthemen wie autonome Systeme oder elektrische Antriebe werden, so der allgemeine Tenor, schon in Kürze zu zahlreichen Veränderungen führen. Dass bereits in zehn Jahren mehr als die Hälfte aller Flugzeuge autonom fliegen wird, glaubt man dennoch nicht. Weitaus schneller verändert sich die Produktion selbst: Künstliche Intelligenzen könnten bald Lieferketten planen, verhandeln und steuern. Hier ist ein dramatischer Bedarf an IT-Fachkräften vorhanden. Drei Viertel aller Industrievertreter unterstrichen daher auch einen starken Reformbedarf in der Schulausbildung. Das derzeitige Ausbildungssystem sei nicht auf zukünftige Entwicklungen vorbereitet und könne zukünftig den spezifischen Bedarf der Wirtschaft nicht erfüllen. Im Rahmen der abschließenden Podiumsdiskussion wurden die Ergebnisse dieser Umfrage von steirischen Luftfahrtexperten aus Forschung und Industrie kritisch hinterfragt. 

Die Vorträge im Kurzüberblick

In ihren Vorträgen spannten die Referenten der AIRCONTACT’17 einen breiten Bogen von Urban Air Mobility über visionäre Flugzeugkonzepte bis hin zu neuartigen Interior-Lösungen. Im Mittelpunkt standen bei allen Vortragenden dabei ganz klar die Ziele des ACARE Flightpath 2050: Umweltfreundlichkeit, Leichtbau, Lärmreduktion und individuelle Mobilität. 

CityAirbus: Paving the way for Urban Air Mobility  | Marius Bebesel, Head of Urban Air Mobility, Airbus Helicopters 

Marius Bebesel leitet bei Airbus Helicopters den Bereich Urban Air Mobility sowie das City Airbus Demonstrator Programm. In seinem Vortrag ging Bebesel auf die wachsendenMobilitätsansprüche einer immer urbaneren Welt ein. Als eine Lösung stellte er das Konzept der Urban Air Mobility vor und präsentierte das Demonstrator-Programm CityAirbus von Airbus Helicopters. Neben technischen Details des mit acht elektrisch angetriebenen Rotoren bestückten Multicopter-Konzepts ging Bebesel auch auf die Themen Support & Service, Flight Operations, Air Traffic Management und Boden Infrastruktur ein. Bereits 2018 soll ein unbemannter Prototyp des CityAirbus fliegen, 2019 sollen dann erste bemannte Flüge des bei Airbus als „No-Toy-Projekt“ eingestuften Demonstrator-Programms fliegen. Ab 2023 könnten dann bis zu 30.000 Stück des CityAirbus produziert werden. 

Long-term Development of Aviation – Future Drivers and Key Technologies | Jochen Kaiser, Leiter Visionäre Flugzeugkonzepte, Bauhaus Luftfahrt e.V.

Jochen Kaiser leitet die Abteilung für visionäre Flugzeugkonzepte am deutschen Thinktank Bauhaus Luftfahrt und beschäftigt sich mit langfristigen Visionen für Flugzeuge und Antriebssysteme. Kaisers Kernaussage in seinem Vortrag: Nur durch Verbesserungen bestehender Flugzeugkonzepte können die ambitionierten Ziele des Flightpath 2050 nicht erreicht werden – vielmehr sind revolutionäre neue Konzepte notwendig. In diesem Sinne präsentierte Kaiser verschiedene Konzepte wie Distributed Propulsion oder Fuselage Fan Propulsion, bei der der Luftwiderstand des Flugzeugrumpfes ausgeglichen werden sollen. In Kombination mit elektrischen und hybrid-elektrischen Antriebsformen sowie Leichtbau- und Aerodynamik-Konzepten wie Lateral-Wings oder beweglichen Morphing-Structures können so große Einsparungen an CO² realisiert werden. Ebenso thematisierte Kaiser urbane Flughafen-Konzepte, die in Zukunft den Luftverkehr direkt an die städtische Infrastruktur anbinden könnten.   

Zukunft in der allgemeinen Luftfahrt | Felix Zahradnik, CTO Austro Engine

Felix Zahradnik leitet seit Oktober 2017 als CTO die Technik und technische Weiterentwicklung beim österreichischen Flugmotorenhersteller Austro Engine. In seinem Vortrag präsentierte Zahradnik die aktuelle Modellvielfalt von Austro Engine und der Schwesterfirma Diamond Aircraft und zeigte aktuelle sowie zukünftige Entwicklungen – u.a. die Weiterentwicklung der leichten Wankelmotoren auf die R7- und R2-Serien, die Anstrengungen und Projekte im Bereich der Hybridisierung und Elektrifizierung (z.B. DA-36: E-Star) und veranschaulichte die Vorteile von verteilten Antriebskonzepten (Distributed Propulsion) in Hybridkonstruktionen im Projekt HEMEP sowie den Vertical-Take-OfF-Vertical-Landing Studien VTVL (Tilt-Rotor-Flugzeug für Urban Air Mobility) sowie Dart-280 (leichter Mehrzweck-Helikopter).  

Elektrisches Fliegen, Wasserstoff und Brennstoffzelle | Josef Kallo, Koordinator Energiesystemintegration, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR)

Josef Kallo ist seit 2006 Koordinator für Energiesystemintegration am DLR, leitet das DLR-Projekt HY4 (Brennstoffzellen-Flugzeug) sowie das Institut für Technische Thermodynamik am DLR und das Institut für Energieumwandlung und -speicherung (EWS) der Universität Ulm. In seinem Vortrag wies Kallo insbesondere darauf hin, dass für den steigenden Energiebedarf künftig auch ausreichend Energie bereitgestellt werden muss. Auch aus diesem Grund müsse in Zukunft verstärkt in elektrische und hybride Antriebsformen wie z.B. Wasserstoff und Brennstoffzelle investiert werden. Anhand verschiedener Konzeptstudien legte Kallo dar, in welchem Umfang und für welche Reichweiten batterieelektrisches Fliegen oder Fliegen mittels Brennstoffzelle sinnvoll realisierbar wären. 

Die Flugzeugkabine der Zukunft – Teil- oder Gesamtsystem | Wolf-Dieter Kuhnla, VP R&T + Innovation, Diehl Aerosystems

Wolf-Dieter Kuhnla zeichnet als VP R&T + Innovation für Innovation und Entwicklung im Flugzeug-Innenraum-Tier 1 Diehl Aerosystems verantwortlich. In seinem Vortrag stellt Kuhnla die Frage, ob Die Kabine nicht als modulares und eigenständiges System zu verstehen sein sollte. So soll die Kabine einerseits hohe Flexibilität und Optimierung für den Passagier aufweisen; und zum anderen auch energietechnisch vom Antriebssystem des Luftfahrzeuges abgekoppelt sein, um Sicherheitsanforderungen an das Gesamtsystem sowie den wachsenden Energieverbrauch in der Kabine leichter abdecken zu können. Eine konkrete Lösung dafür ist eine Energie-autonome Architektur in der Kabine, in der die Leistungserzeugung zum Beispiel durch eine sichere Brennstoffzelle in der Bordküche entsteht und somit vom Triebwerk entkoppelt ist. 

Leichtbaustrukturen für zivile Flugzeuge – heute und morgen |Kurt Pieringer, VP Operations, FACC

Kurt Pieringer ist langjähriger leitender Mitarbeiter beim österreichischen Luftfahrt Tier 1 und Leichtbau-Spezialisten FACC und leitet seit 2013 den Operations-Bereich. Besondere Herausforderungen sieht Pieringer insbesondere in den wachsenden Bauraten für Single-Aisle Flugzeuge wie die A320er-Familie von Airbus oder die Boeing 737-Familie; sowie in den Anforderungen an Effizienz und Gewichtsreduktion. Hier müssen sowohl in der Produktionstechnologie, als auch im Material- und Strukturbereich laufend neue und verbesserte Ansätze gefunden werden. In seinem Vortrag ging Pieringer darauf ein, wie man diese Anforderungen unter anderem durch eine Reduktion von Einzelbauteilen, durch bewegliche „Morphing Surfaces“, die Anlehnung von Bauteilen an bionische Strukturen der Natur, Life Cycle Monitoring und intelligente, kommunizierende Strukturen sowie durch verbesserte teil- und hochautomatisierte Composite-Fertigung erreichen kann.   

Luftfahrt 2050 und der Wandel in der Composite Fertigung | Torsten Lorenz, Boeing Deutschland

Torsten Lorenz ist als Senior Composite Expert bei Boeing Research and Technology Europe zentral daran beteiligt, Fertigungsprozesse für hochproduktive Serienabläufen zu optimieren. In seinem Vortrag machte Lorenz darauf aufmerksam, dass bei den meisten Optimierungsprojekten nur einzelne Prozessschritte der Composite Fertigung optimiert würden (z.B. Ersatz der Prepreg-Bauweise durch Thermoplaste etc.). Der Blick auf den Gesamtprozess würd ejedoch nach wie vor vernachlässigt, sodass die bisherige Luftfahrtfertigung nach wie vor eher als Manufaktur denn als eine moderne Produktion zu betrachten sei. Ziel, so Lorenz, müsse es sein, kooperativ voneinander zu lernen und auch Erfahrungswerte aus anderen Industrien wie Automotive, Sport- und Energie-Industrie zu nutzen. 

Risikotransfer in der Luftfahrtindustrie – Herausforderungen der Zukunft | Carsten Nawrath, Head General Aviation & Aerospace EMEA, Swiss Re Corporate Solutions

Carsten Nawrath leitet beim Schweizer Rückversicherungs-Unternehmen Swiss Re die Direkt-Versicherungssparte Swiss Re Corporate Solutions im Bereich General Aviation und Aerospace für den europäischen und Middle-East-Markt. In seinem Vortrag ging er auf mögliche marktseitige Zukunftsszenarien sowie Risiko-Szenarien im Bereich Aerospace ein. Insbesondere durch technologische Neuerungen wie Cyber Risk, Drohnen / UAS oder neue Materialien entstehen neue Risiken, die für Zulieferbetriebe schwer abschätzbar sein können. 

 

 
Sie erreichen uns Montag bis Donnerstag von 08:00-17:30 Uhr
und Freitag von 08:00-15:00 Uhr.
 
© 1995–2016 ACstyria Autocluster GmbH
Presse | Kontakt | Impressum